Tagestour Tortuguero ab San José

Um 04.55 Uhr holte mich ein unangenehmes Geräusch aus den Träumen; der Wecker. Ein wenig später das Telefon, die Rezeption teilte mir nüchtern mit, dass es fünf Uhr morgens sei. Mühsam erhob ich mich aus dem breiten Hotelbett und stand kurz darauf unter der Dusche. Ein paar Minuten später saß ich in der Cafeteria des kleinen Hotels und trank einen Kaffee, dazu Toast mit Marmelade. Kurz vor sechs fuhr der Bus eines lokalen Touranbieters in die Einfahrt des Hotels um mich zu einer Tagestour in den Tortuguero Nationalpark abzuholen. Der kleine Bus mit Platz für etwa fünfzehn Personen war schon gut gefüllt. Der Busfahrer, ein etwa 35-jähriger Tico, versuchte von Beginn an gute Laune zu versprühen, was ihm durchaus auch gelang. Die Leute stellten sich untereinander vor. Sechs junge Amerikanerinnen, zwei Costa Ricaner, ein Kanadier, zwei Engländer, eine Deutsche und meine Wenigkeit, ein Schweizer. In einem guten Englisch erzählte der Fahrer viel Wissenswertes über Land, Natur und die Menschen, welche das kleine Land in Mittelamerika bevölkern und so sympathisch machen.


Die Strecke von San José zum Tortuguero führt durch den Braullio Carillo Nationalpark, durch unberührten Regen-und Nebelwald. Nebelschwaden verschleiern den Blick auf die dicht bewaldeten Hänge und Berge des Nationalparks. Wäre da nicht die asphaltierte und kurvenreiche Straße, wähnte man sich in einem verzauberten Märchenwald mit Feen, Zwergen und bösen Hexen. Kurz nach der Durchquerung des Braullio Carillo eine Rast in einem kleinen Restaurant. 
Nach dem reichhaltigen und landestypischen Frühstück mit Früchten, Reis, schwarzen Bohnen und Spiegeleiern ging die Fahrt weiter zu einer Bananenplantage. Eine Arbeit, bei welcher der maschinelle Prozess scheinbar eine eher untergeordnete Rolle spielt. Die Bananenstauden werden mit der Machete abgeschlagen und über eine rostige Schienenvorrichtung von schweißüberströmten Pflückern zur Weiterverarbeitung gezogen. Dort werden die noch grünen Bananen gewaschen und in die typischen Bananenkartons gepackt, welche bei einem Umzug so hilfreich sein können.

 

Weiter ging die Fahrt über eine Naturstraße, auf der einen Seite endlose Bananenplantagen, auf der anderen dürre Weideflächen, welche wohl vor Jahrzehnten durch Brandrodung entstanden sind. Unterbrochen wurde die rüttelige Fahrt durch kurze Stopps um Tiere am Wegesrand zu bestaunen. Darunter zahlreiche Faultiere, die sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen lassen. Trotz kräftiger Krallen eines der friedlichsten Tiere unseres Planeten. Ein Pflanzenliebhaber, der sich nicht nur von Früchten, sondern mit Vorliebe auch von Blüten ernährt.
 
Irgendwann kamen wir zu einem Fluss mit Bootsanlegestelle (Caño Blanco). Etwa zwanzig Langboote mit starken Motoren lagen vertäut an der Mole, die Bootsführer plauderten, oder hielten ein Schläfchen. Daneben ein auf Touristen spezialisiertes Restaurant mit offener Terrasse und einem Souvenir-Shop. 

 

Wir stiegen in ein Boot, welches kurz darauf den breiten Fluss hinunter tuckerte und ein wenig später in einen Seitenarm abbog. Bei einer kleinen Ortschaft, zwischen Fluss und karibischer See gelegen, stiegen wir aus und spazierten ein paar Hundert Meter zu einem Gästehaus. In der offenen Küche zwei dunkelhäutige Köchinnen, welche uns bereits erwartet hatten. Sie verwöhnten uns mit einer für die karibische Küste typischen Mahlzeit. Reis, Salat und Hühnchen auf kreolische Art.

 

Nach der leichten Mahlzeit, der drückenden Schwüle karibischer Luft durchaus angemessen, ging es zurück zum Boot. Die Fahrt führte durch eine atemberaubende Flusslandschaft mit zahlreichen Wasservögeln, Krokodilen und kleinen Schildkröten, welche auf ins Wasser ragende Äste klettern, um sich zu sonnen. Der Bootsführer kannte auch die lauschigen Plätze der Krokodile und nicht nur einmal bekamen wir die kräftigen Zähne solcher Riesenechsen zu sehen. Für die Fotografen in der Gruppe ein paradiesischer Zustand, der kurz darauf, während einer kleinen Wanderung über einen Urwaldpfad seinen Höhepunkt fand. Der schmale Pfad führt über etwa drei Kilometer vom Fluss durch dichten Regenwald an die wilde, ungebändigte Küste des Karibischen Meeres.
Die Geräusche, die Pflanzen und im Dickicht verborgen eine schier unermessliche Lebensvielfalt. Ich sah viel auf dieser kurzen Wanderung. Zwei wunderschöne, kleine Pärrotschlangen, wohl ein Pärchen, das ich mangels Kenntnis nur mit dem Zoom abzulichten wagte. Nur etwa drei Meter über der Gruppe zwei Brüllaffen im Geäst, die neugierig auf die Zweibeiner herunterschauten. Zahlreiche bunt gefiederte Vögel, welche auch durch fröhliches Zwitschern bezauberten und kurz vor dem Strand noch ein Kapuzineraffe mit einer runden Frucht im Maul, die er stolz präsentierte.

Der nahe Strand in einem ursprünglichen, wilden Zustand. Genau so muss es ausgesehen haben, als Christoph Kolumbus vor über fünfhundert Jahren, nur ein paar Meilen südlich, mit seinen Schiffen vor Anker ging und dem Land den schönen Namen gab.

 

Die Rückfahrt mit dem Bus nach San José fiel dann in die Dunkelheit, welche in diesen Breitengraden schon um ca. 18.00 Uhr beginnt. Ein ratternder Bus voll zufriedener Menschenkinder, welche sich mit der Gewissheit in den Sitz lehnen, einen ganz besonderen Tag erlebt zu haben.

 

Pura Vida!

 

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